Worin Gesellschafts- und Ideologiekritik in Büchners Werk besteht, ist eine Frage von gewaltiger Tragweite in der Büchner-Forschung. Meinem Beitrag liegt das Anliegen zugrunde, an verschiedenen Textstellen zu prüfen, wie sich Kritik mittels der rhetorischen Sprache manifestiert. Rhetorik wird hier im Sinne Paul de Mans verstanden, d.h. nicht als historische, sondern als epistemologische Disziplin, in der es problematisch wird, das Wörtliche vom Figurativen zu unterscheiden. Im Gegensatz zu der aristotelischen Tradition behauptet er, dass es keine magische Sprache gibt, in der alle Zeichen den betreffenden Gegenständen genau entsprechen. Konsequenterweise kann es auch keinen metapherfreien Diskurs und keine klare Trennungslinie zwischen Rhetorik und allen anderen Formen der Sprache geben. Büchners Bildsprache liefert einen Beweis dafür, dass es schwer ist, eigentlicher von uneigentlicher Rede zu unterscheiden. Deshalb wird der Begriff der Metaphorik in der Textanalyse so weit gefasst, dass er auch Metonymien, Katachresen, Synästhesien, Personifikationen und Vergleiche einschließt. Dann stellt sich die zentrale Fragestellung: Was bedeuten Metaphern bei Büchner und wie verwendet er sie? Um dieser Frage auf die Spur zu kommen, greife ich auch auf Donald Davidsons Theorie zurück, nach der die Metapher zum Bereich des Gebrauchs gehört, und unterscheide die politischen und wissenschaftlichen Schriften von den literarischen. Büchners politische Schrift Der Hessische Landbote (1834) ist mit unmarkierten Bibelzitaten versehen. Analog zu den Propheten verwendet Büchner Metapher und Metonymie zur Veranschaulichung von Begriffen. Das Vor-Augen-Führen verleiht der Aussage die Kraft, die nötig ist, um vom Volk akzeptiert und verstanden zu werden. Etwas Ähnliches geschieht in Büchners wissenschaftlichen Texten, in denen sich das Begriffliche ins Bildliche auflöst. Am interessantesten sind Metaphern in den literarischen Werken, wenn sie wörtlich gedeutet werden. Was bedeutet Metaphern wörtlich nehmen? Davidsons Theorie beruht auf der Voraussetzung, dass es keine Regeln gibt, die Bedeutung konstituieren, deshalb soll der Unterschied zwischen wörtlicher und übertragbarer Bedeutung unterlaufen werden. Wörter und ihre Bedeutung werden vom Kontext fixiert. Wörtliches bedeutet bei Büchner vor allem Metaphern zu benutzen, die in den Diskussionen der Zeit nachweisbar sind. Die im Dantonʼs Tod auftretende Lucile liefert ein treffendes Beispiel. Ihr Ausruf „Es lebe der König“ in der letzten Szene des Dramas, nach der Hinrichtung ihres Geliebten, geht über das historische Zitat hinaus. Von der Geschichte wird überliefert, wie Luciles Worte von den Gegnern der Revolution oft ausgesprochen wurden, die ihren Familienmitgliedern in den Tod folgen wollten. In den neuen Zusammenhang übertragen gelten diese Worte als „Gegenwort“ (Paul Celan, Büchner-Preis-Rede 1961), welches das Sterberitual und somit die Revolution selbst in Frage stellt

Metaphern wörtlich nehmen: Metaphorik und Ideologiekritik im Werk Georg Büchners

GENTILIN, Olivetta
2015

Abstract

Worin Gesellschafts- und Ideologiekritik in Büchners Werk besteht, ist eine Frage von gewaltiger Tragweite in der Büchner-Forschung. Meinem Beitrag liegt das Anliegen zugrunde, an verschiedenen Textstellen zu prüfen, wie sich Kritik mittels der rhetorischen Sprache manifestiert. Rhetorik wird hier im Sinne Paul de Mans verstanden, d.h. nicht als historische, sondern als epistemologische Disziplin, in der es problematisch wird, das Wörtliche vom Figurativen zu unterscheiden. Im Gegensatz zu der aristotelischen Tradition behauptet er, dass es keine magische Sprache gibt, in der alle Zeichen den betreffenden Gegenständen genau entsprechen. Konsequenterweise kann es auch keinen metapherfreien Diskurs und keine klare Trennungslinie zwischen Rhetorik und allen anderen Formen der Sprache geben. Büchners Bildsprache liefert einen Beweis dafür, dass es schwer ist, eigentlicher von uneigentlicher Rede zu unterscheiden. Deshalb wird der Begriff der Metaphorik in der Textanalyse so weit gefasst, dass er auch Metonymien, Katachresen, Synästhesien, Personifikationen und Vergleiche einschließt. Dann stellt sich die zentrale Fragestellung: Was bedeuten Metaphern bei Büchner und wie verwendet er sie? Um dieser Frage auf die Spur zu kommen, greife ich auch auf Donald Davidsons Theorie zurück, nach der die Metapher zum Bereich des Gebrauchs gehört, und unterscheide die politischen und wissenschaftlichen Schriften von den literarischen. Büchners politische Schrift Der Hessische Landbote (1834) ist mit unmarkierten Bibelzitaten versehen. Analog zu den Propheten verwendet Büchner Metapher und Metonymie zur Veranschaulichung von Begriffen. Das Vor-Augen-Führen verleiht der Aussage die Kraft, die nötig ist, um vom Volk akzeptiert und verstanden zu werden. Etwas Ähnliches geschieht in Büchners wissenschaftlichen Texten, in denen sich das Begriffliche ins Bildliche auflöst. Am interessantesten sind Metaphern in den literarischen Werken, wenn sie wörtlich gedeutet werden. Was bedeutet Metaphern wörtlich nehmen? Davidsons Theorie beruht auf der Voraussetzung, dass es keine Regeln gibt, die Bedeutung konstituieren, deshalb soll der Unterschied zwischen wörtlicher und übertragbarer Bedeutung unterlaufen werden. Wörter und ihre Bedeutung werden vom Kontext fixiert. Wörtliches bedeutet bei Büchner vor allem Metaphern zu benutzen, die in den Diskussionen der Zeit nachweisbar sind. Die im Dantonʼs Tod auftretende Lucile liefert ein treffendes Beispiel. Ihr Ausruf „Es lebe der König“ in der letzten Szene des Dramas, nach der Hinrichtung ihres Geliebten, geht über das historische Zitat hinaus. Von der Geschichte wird überliefert, wie Luciles Worte von den Gegnern der Revolution oft ausgesprochen wurden, die ihren Familienmitgliedern in den Tod folgen wollten. In den neuen Zusammenhang übertragen gelten diese Worte als „Gegenwort“ (Paul Celan, Büchner-Preis-Rede 1961), welches das Sterberitual und somit die Revolution selbst in Frage stellt
9783826056451
Metapher, wörtlich, Büchner, Idelogiekritik
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