Die These des werdenden Gottes stellt sich als einer der am wenigsten untersuchten und zugleich problematischsten Aspekte des Denkens Max Schelers. Beim Anblick der Tragödie des Ersten Weltkriegs sowie der Katastrophe der darauf folgenden Nachkriegszeit Deutschlands entfaltet Scheler vom Jahre 1923 an die tragische Vorstellung des werdenden Gottes, der in sich eine ungelöste Spannung trägt. Dieser Gedanke wird unter dem Einfluss von Schelling entwickelt, vor allem von seiner Idee einer ursprünglichen Duplizität, die dieser in der Freiheitsschrift 1809 insbesondere durch das Konzept der Natur in Gott zum Ausdruck gebracht hatte. Relevant für Scheler waren auch die Lektüre des Marcion-Buchs 1921 von Adolf von Harnack sowie die Auseinandersetzung mit dem Begriff des postulatorischen Atheismus der Verantwortung, den Nicolai Hartmann in seiner 1926 erschienenen Ethik darlegte. Die ursprüngliche Spannung in Gott legt Scheler nicht im Sinne der Ohnmacht Gottes, sondern im Sinne des leidenden Gottes des Christentums aus. Der leidende Gott kann das Vorbild für die Wiedergeburt und das Werden der menschlichen Person werden, die über das Leiden selbst hinausgehend sich bildet. Er kann aber auch in Schweigen verhüllt bleiben. So kann der Mensch durch die voneinander entgegengesetzten Gefühle – das der Glückseligkeit und der Verzweiflung – das Heilige erfahren.

Werdender Gott und Wiedergeburt der Person bei Max Scheler

CUSINATO, Guido
2011

Abstract

Die These des werdenden Gottes stellt sich als einer der am wenigsten untersuchten und zugleich problematischsten Aspekte des Denkens Max Schelers. Beim Anblick der Tragödie des Ersten Weltkriegs sowie der Katastrophe der darauf folgenden Nachkriegszeit Deutschlands entfaltet Scheler vom Jahre 1923 an die tragische Vorstellung des werdenden Gottes, der in sich eine ungelöste Spannung trägt. Dieser Gedanke wird unter dem Einfluss von Schelling entwickelt, vor allem von seiner Idee einer ursprünglichen Duplizität, die dieser in der Freiheitsschrift 1809 insbesondere durch das Konzept der Natur in Gott zum Ausdruck gebracht hatte. Relevant für Scheler waren auch die Lektüre des Marcion-Buchs 1921 von Adolf von Harnack sowie die Auseinandersetzung mit dem Begriff des postulatorischen Atheismus der Verantwortung, den Nicolai Hartmann in seiner 1926 erschienenen Ethik darlegte. Die ursprüngliche Spannung in Gott legt Scheler nicht im Sinne der Ohnmacht Gottes, sondern im Sinne des leidenden Gottes des Christentums aus. Der leidende Gott kann das Vorbild für die Wiedergeburt und das Werden der menschlichen Person werden, die über das Leiden selbst hinausgehend sich bildet. Er kann aber auch in Schweigen verhüllt bleiben. So kann der Mensch durch die voneinander entgegengesetzten Gefühle – das der Glückseligkeit und der Verzweiflung – das Heilige erfahren.
9783826045158
Werdender Gott; Scheler; Schelling; Ohnmacht; Solidarität
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